„Jedem Krüppel seinen Knüppel!“ – zur Care Revolution-Ausgabe der Zeitschrift Contraste

Als die UN das Jahr 1981 zum „Jahr der Behinderten“ machte, gab es teilweise heftige Proteste. Die offizielle Eröffnungsveranstaltung wurde von Behinderten mit und ohne Rollstühlen blockiert, in einer Resolution hieß es: „Wir erklären, daß das „Internationale Jahr der Behinderten“, (…) über unsere Köpfe hinweg und gegen unsere Interessen durchgeführt wird. Diese Veranstaltung ist nichts anderes als eine kostspielige INTEGRATIONSOPERETTE, die die gravierenden Mißstände im Behindertenbereich verschleiern soll. Wir wehren uns gegen Festreden von Politikern und Fachleuten, die nur der Geltungssucht der Helfer und Prominenten dienen. Durch Mitleid und Helfertum werden sie die mühsam erkämpften Selbstvertretungsansätze zerstören.“ Mit einer eigenen Veranstaltung, dem Krüppeltribunal, klagten behinderte Menschen Menschenrechtsverletzungen an. So wurde anhand von Recherchen und Erfahrungsberichten Misshandlungen und Entmündigungen in Heimen und Sondereinrichtungen, sexualisierte Gewalt gegen behinderte Frauen, Willkür in der Auseinandersetzung mit Behörden und Ausbeutung in Werkstätten für behinderte Menschen sowie unhaltbare Zustände in Kliniken, Heimen und Psychiatrien sichtbar.

Auch wenn dieser Konflikt mehr als 30 Jahre zurück liegt, viele der Probleme sind bis heute nicht ausgeräumt: Die Zahl der Arbeitsplätze in Behindertenwerkstätten (WfbM) steigt seit Jahren kontinuierlich an. Für viele hält das derzeitige System keine Alternativen zur WfbM bereit. Die Arbeit dort ist zudem sehr schlecht entlohnt und als  „arbeitnehmer_innenähnliches“ Anstellungsverhältnis mit weniger Rechten für die Arbeitnehmer_innen verbunden. Frauen und Mädchen mit Behinderungen erleben noch immer in sehr viel höherem Ausmaß Gewalt und Diskriminierungen als Frauen und Mädchen ohne Behinderungen (vgl. Studie im Auftrag des BMFSFJ: „Lebenssituation und Belastungen von Frauen mit Beeinträchtigungen und Behinderungen in Deutschland“, 2012). Immer wieder werden Missstände und Gewalt in Pflegeheimen und Psychiatrienbekannt. Ebenso wenig vom Tisch ist der Widerspruch zwischen „Selbstvertretung“ auf der einen und „Mitleid und Helfertum“ auf der anderen Seite, auf den die Krüppelbewegung Anfang der 1980er Jahre hinwies. Deutlich wird dies unter anderem am Konzept der Assistenz: Es unterscheidet sich maßgeblich von der institutionell organisierten Pflege, denn Menschen mit Assistenzbedarf sind weder Pflegeempfänger_innen noch Betreute, sondern dem Anspruch nach selbstbestimmte Assistenznehmende. Sie entscheiden, von wem welche Unterstützung wie geleistet werden soll. Dies steht im Widerspruch zu traditionellen Formen bevormundender Sorge.

Menschen sind auf unterschiedliche Weise und in unterschiedlichem Grad von anderen abhängig. Dabei können Abhängigkeitsverhältnisse mehr oder weniger einseitig, sprich: autoritär gestaltet sein. Menschen,die in hohem Maße von anderen abhängig sind, scheinen sich nach der herkömmlichen Vorstellung von Selbstbestimmung und Autonomie nicht emanzipieren zu können. Das ist ein Trugschluss. Jeder Mensch ist von anderen abhängig, aber in unterschiedlicher Weise. Für die Frage, wie selbstbestimmt eine Person leben kann, ist nicht der Grad der körperlichen Angewiesenheit auf andere zentral, sondern die Art und Weise, auf die Abhängigkeitsverhältnisse gestaltet werden. Wesentlichen Einfluss auf die Gestaltung dieser Abhängigkeitsverhältnisse haben sowohl diejenigen, die Assistenz leisten und in der Pflege arbeiten, als auch diejenigen, die diese Leistungen finanzieren. Leider sind die Arbeitsbedingungen in diesem Bereich häufig prekär, sofern diese Form der „Sorgearbeit“ überhaupt finanziert wird: Wer als Assisent_in oder in der Pflege arbeitet, tut dies häufig schlecht bezahlt und unter hoher körperlicher und psychischer Belastung. Wer Familienmitglieder oder Freundin_innen privat pflegt, hat wenig Anspruch auf finanziellen Ausgleich und weniger oder gar keine Zeit, einer Lohnarbeit nachzugehen. Mit Recht setzen sich daher Beschäftigte für ihre Interessen ein. Ebenso nachvollziehbar und wichtig ist die Forderung nach besserer sozialer Absicherung von Menschen, die unbezahlt Unterstützung leisten oder pflegen. So führt der berechtigte Anspruch, über intimste Dinge des eigenen Lebens selbst bestimmen zu können, immer wieder zu Konflikten mit den ebenso berechtigten Interessen der Assistent_innen und Pflegenden an guten Arbeitsbedingungen.

„Sorgearbeit“ ist also nicht per se gut oder schlecht, sondern immer ambivalent. Noch immer gibt es  bevormundende, bemitleidende, gewalttätige und/oder abhängig machende Formen von Sorge(arbeit). Politische Interventionen, die sich in welcher Form auch immer mit Sorgearbeit befassen, müssen also immer mehrere Perspektiven reflektieren und in ihrer Kritik sichtbar machen. Es gibt reale Interessenwidersprüche, die nicht übergangen werden dürfen. Erst wenn offen über verschiedene Interessen gestritten und gesprochen wird, kann vielleicht auf lange Sicht eine größere Gemeinsamkeit entstehen. Ein gemeinsamer Kampf in einer Care-Bewegung kann daher nicht immer und von vornherein aus einem gemeinsamen „Wir“ erfolgen. Aber in Anerkennung der durch bestimmte Lebenslagen gewonnenen unterschiedlichen Expertise ist langfristig vielleicht eine gegenseitige solidarische Unterstützung möglich.

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